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Zu "Der Blechtrommler" - Ein Artikel im "Spiegel" vom 21.8.06

19 November '07 - 1249 W - + 16 - 26

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Zu "Der Blechtrommler" - Ein Artikel im "Spiegel" Nr. 34 vom 21.8.2006

und dem 80.Geburtstag

Was einem Strafgefangenen zu Günter Grass derzeit so einfällt!                

Berlin, planet.tegel, 21.09.2006

An sich ist einem Autoren von solchem Rang, der sich über Jahrzehnte gerade auch politisch betätigt hat und dies allen Anderen auch immer offensiv abverlangte, grundsätzlich sein Verhalten in seiner Jugend (als ja ein sehr früher und separater Teil einer Lebensbiografie) allein nicht vorwerfbar - was ihm aber sehr wohl zum Vorwurf gereicht, ist die Tatsache, dass er stetig Anderen sein Gehabe einer moralischen Instanz, an der sie sich bittschön alle messen zu lassen hätten, weiter vorzelebriert, ohne überhaupt klärend Stellung bezogen zu haben, was vielleicht anderen, wenn schon nicht ihm selbst, zumindest unklar und fragwürdig erscheinen musste. Wohlgemerkt, nicht seine vorgetäuschte Alibimitgliedschaft bei den Flakhelfern und seine nun wohl kaum noch bestreitbare tatsächliche (zumindest wohl bedingt freiwillige) Mitgliedschaft bei der Waffen-SS (so die gängige Formulierung in den Medien, z.B. "Spiegel","SZ" /10.10.2007) soll Thema dieser Meinungsäußerung sein - sondern vielmehr sein Umgang damit, sein jahrzehntelanges Schweigen darüber bei gleichzeitig lautstarker Kritik an allen anderen, die in seinen umfassenden Selbstentwurf eines  modernen Feindbildtums passen, sein an klassische Vorbilder des Heuchlertums gemahnendes Gebaren, dass seinen Kritikern ja nun als geradezu philisterhaft erscheinen muss (man denke an die Ausweichmanöver, seine offenkundige Neigung, die peinlich gewordene Situation aussitzen zu wollen, seine "Flucht nach vorn-Auftritte" als Talk-Show-Geladener). Angesichts seines demonstrativ sich über jeglicher Kritik erhaben fühlenden Verhaltens scheint dies Getue als das eines nahezu krankhaft - weil mit erheblicher Penetranz - von sich selbst voreingenommenen Menschen, dem man fast das Ersticken am Eigendünkel wünschen möchte, selbst wenn man sich vorher gar nicht weiter mit seinen Thesen und seinem Werk auseinandergesetzt oder auch nur vollständig bekannt gemacht hat.

Und dass er es ignoriert,dass es soweit kam und kommen konnte, stellt sein Lebenswerk und -wirken nämlich nun fast in Frage! Alle Kritiker immer einfach als blosse ihm ja nur missgünstig Gestimmte zu deklassieren ist nicht nur kein guter Stil - darum geht es ja auch gar nicht, sondern vor allem eine Frage moralischer Integrität in genau jener Weise, wie er dies an anderen immer zuvorderst gemessen sein lassen wollte.

Denn was hat er Politikern, Kollegen der schreibenden Zunft, jedwedem Intellektuellen und allen anderen auch nicht alles vorgeworfen, unterstellt! Genau die Verantwortung für das jeweilige Tun ist es nämlich, die ihm selbst partiell gefehlt - und dies kontinuierlich über die Jahrzehnte hinweg, gerade auch in Zeiten, wo es um Aufrichtigkeit, Bewusstseinswerdung, Positionen und Selbstfindung einer ganzen Nation ging.

Und dann den fragenden Journalisten auf berechtigte Fragen (und aus der Situation heraus verständliche, ja notwendige Fragen) lapidar zur Antwort zu geben: "Das steht alles in meinem Buch!" ist schon frech. Klingt dies doch sehr danach, aus einer solch zumindest für den Moment fragwürdigen Situation noch Kapital zu schlagen und in unsensibler Weise im Zuge gewonnener Medienpräsenz gleich mal Eigenwerbung für das neue Buch zu machen!

Zumindest gewisse Parallelen zum Fall Friedmanns drängen sich einem da schon auf. Auch hier war insbesondere schon eine massiv gestörte Wahrnehmung der eigenen Person zu attestieren!

Wenn ich nämlich im öffentlichen Rampenlicht stehend und dies auch suchend den Moralapostel spiele, sollte ich zumindest keine Leichen im eigenen Keller haben; so ich mir aber erlauben will, von Berufs wegen den selbsternannten Gutmenschen zu spielen und gar auf einzig legitime Art als Koryphäe in allen Gewissensfragen erleuchtet sein zu wollen, muss ich zumindest erstmal reinen Tisch gemacht haben - bei mir selbst!

Dabei hat er übrigens das über Jahrzehnte nicht vermocht, was beispielsweise immer wieder von einem Straftäter in der Gesellschaft (im Zusammenhang der Straftataufarbeitung) verlangt wird: Nämlich die Tat bekennen, nicht zu leugnen, nichts zu unterschlagen oder gerade nur vermittels Halbwahrheiten so darzustellen, dass es nicht allzu peinlich geraten könnte, sondern sich in vollem Umfang und zwar von selbst schuldig zu bekennen - dies als ersten wichtigen Schritt, um überhaupt dann die Konsequenzen daraus ziehen zu können!

Nun aber erinnert GRASS mehr an einen übereifrigen Helfer der freiwilligen Feuerwehr, welcher bei der Brandbekämpfung lauthals ganz vorn dabei ist, dabei verschweigend, bei der Campergruppe im trockenen Wald früher selbst beigewohnt zu haben. Auch Jenem mag neben seinem übersteigerten Geltungsbedürfnis  sein Gewissen so sehr geplagt haben, dass er zum tüchtigsten Helfer seiner Truppe wird; er mag auch das Zeug zum guten Feuerwehrmann dereinst tatsächlich haben - ein bitterer Beigeschmack wird immer bleiben, wenn er sich seines Werdeganges nicht bekannt hat, solang nämlich hat er dort eigentlich nix zu suchen. Und wenn dann ein solcher Vergleich eher hinkt, so doch auch deshalb, weil es hier um Fragen weit komplexerer moralischer Kategorien geht, wo auch ein gut Mass höherer Integrität gefragt sein muss - etwas, dass Grass von anderen immer sofort einzufordern wusste.

Wie schwer es ist, das eigene Handeln in aller Konsequenz ehrlich zu hinterfragen, und dann auch noch  im nächsten Schritt von anderen weiter hinterfragen zu lassen - hier wirds aufgezeigt von einem, dem man mehr Mut zum Selbstbekenntnis zugetraut hätte, als zum Beispiel einem Strafgefangenen, der ja per se seiner sozialen Defizite, seiner erwiesenen moralischen Inkompetenz wegen (wie sie uns hier oft genug attestiert wird) zu bestrafen, irgend in Haft zu stecken ist! Wie schnell übrigens betitelte Grass Anders-denkende als Verbrecher!

 In diesem Zusammenhang soll auch folgende durchaus alltäglich machbare Beobachtung modernen Zeitgeistes und professionell gelernter Selbstdarstellung im Kontext medienwirksamen Selbsterlebens mal erwähnt werden: Nicht nur Typen wie Dieter Bohlen geben sich auf aberwitzige und durch die Dummheit des Fernsehpublikums goutierte Art und Weise kritikresistent! Sieht man sich einen heutzutage typisch gewordenen Wahlsonntag an, so scheint es immer nur Gewinner zu geben bzw. Keinen, der bereit wäre, zuzugeben, dass er selbst oder seine Partei etwas falsch gemacht haben! Stets wird dem politischen Gegner gemeiner Populismus unterstellt oder allenfalls eine Art (durch ein Missverständnis seitens des Wahlvolkes) gedungenes Glück zugebilligt !

Es gilt gemeinhin als guter Ton, Fehler zu verschweigen oder zu beschönigen oder dem politischen Gegner den "Schwarzen Peter" zuzuschieben, wo immer dies möglich ist!

Ein anderes, aktuelles Beispiel stellt die schon als "Krise des Radsports" bezeichenbare Doping-Affäre dar - es grenzt an Frechheit und Betrug, wie sich Sportprofis, Verantwortliche, Ärzte, Berater, Werbeträger usw.

versuchen, solange aus der Affäre zu ziehen und zu reden, wie es überhaupt nur geht - und manche auch noch darüberhinaus. Ein gutes Beispiel für ein Nicht-Wahrhaben-Wollen von offensichtlich gewordenen Fakten bis es kracht - und auch noch danach.

Vom sächsischen Korruptionsskandal und den vermutbaren Abgründen dahinter oder auch vom Umgang mit Ärztepfusch u.v.a. mehr ganz zu schweigen!

Der Nobelpreis und zahllose andere Literaturpreise sind Grass für sein literarisches Werk verliehen wor-den, ob zu Recht, das können und haben andere bereits beurteilt. Soweit er selbst dieses aber stets in einen gewollt gesellschaftspolitischen Kontext stellte, ja es sogar grundsätzlich mit diesem verband, ist es so, dass eine -nun unverdient scheinende- Ruhe, die er gern für sich in Anspruch nehmen möchte, ihm nicht zu lassen ist - so wenig, wie er selbst Zeit seines Wirkens bereit war, sie anderen zu lassen!

Was nun lernt man aus solch einer Geschicht`?

Misstrau dem Geschrei von Weltverbesserer, Gutmensch und Moralapostel- und sein Zwiebelbuch, dass kauft man anstandshalber nicht! So sollten wir unsem Denk!-mal Günter Grass zeigen, was wir von selbsterklärten wandelnden Institutionen einzig wahrhaft möglicher Geschichts- und Moraldeutung halten und dass auch wir Deutschen doch noch etwas aus Geschichte(n) zu lernen durchaus fähig sind!

Ingolf WOYKE

aktualisiert 3.11.2007

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