19 November '07 - 905 W - + 17 - 18
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BUCHEMPFEHLUNG
Eines der besten Bücher, welches mir als Leser im letzten Jahr unterkam, ist das Literatur-Sachbuch „Was geschah mit Schillers Schädel?“ von Rainer Schmitz.
Ganze 25 Jahre hat der Autor recherchiert und gesammelt, um letztendlich dem an literaturhistorischen Hintergründen interessierten Leser dieses wahrhafte Kompendium einer inoffiziellen Literaturgeschichte vorlegen zu können. Dabei kann der Leser hier mitunter mehr über das Leben und Wirken so manch eines Schriftstellers in Erfahrung bringen, als ihm sonst durch die gelehrigsten akademischen Bücher vermittelbar geworden wäre. Der Untertitel "Alles, was Sie über Literatur nicht wissen" erweckt beim wissbegierigen Anfänger der Materie keine übertriebenen Erwartungen, denn er kommt voll auf seine Kosten und auch ein Literatur-Profi dürfte sich noch reichlich mit ihm bis dato neuem Faktenma-terial versorgt fühlen, um so zugleich seiner Neugierde wie auch einer weiteren und tiefergehenderen Betätigung seiner Wissenssammelleidenschaft frönen zu können.
Die gediegen wirkende Ausstattung im schmuckem Schutzumschlag ist optisch schon sehr ansprechend, wirkt aber nicht etwa übertrieben historisch aufgemotzt . Zum minutiös geführten Namensregister aller in den Texten erwähnten und beschriebenen Literaten gesellen sich die doppelspaltige Seitenaufteilung mit einer ebenso doppelt geführten Seitenzählung zum leichteren Auffinden des Autoren unter dem jeweiligen Stichwort (in der jeweiligen Spalte) wie auch ein beim "Querlesen" sich als äußerst praktisch erweisender gleichfalls doppelter Leitfaden.
Namhafte Autoren aus aller Herren Länder und den Wechselfällen der literarischen Historie (von HOMER bis in die Ge-genwart), vom isländischen Halldor LAXNESS bis zum argentinischen BORGES, alle alten Klassiker von DANTE und SHAKESPEARE zu GOETHE und eben SCHILLER und über BALZAC und DICKENS und DOSTOJEWSKI und die TOLSTOI`s bis hin zu den modernen "Phantastikern" LOVECRAFT und LEM oder auch J.K.ROWLING (Harry Potter) finden ihre bisweilen nur sehr kurze, weil unterschiedlich gewichtete Erwähnung: das Ganze sozusagen als ein Abriss vom AISCHYLOS bis zu ZOLA.
Wie ist der letzte Kenntnisstand um das Ableben E.A.POE`s, welch erbärmliches Ende fand ein HERAKLIT, wer alles ging in den Freitod, wer galt als Alkoholiker (wahrlich nicht nur Jack LONDON u. Charles BUKOWSKI), wer war drogenabhängig, wer ein Hypochonder, wer litt an Syphilis, wer an einem Hirntumor (SWIFT), wer hatte Tuberkulose (z.B. STEVENSON), wer war zuletzt erblindet (MILTON), wer war schwul, wer hatte bei wem geklaut, wer gegen wen prozessiert, wer wurde mutmasslich vergiftet oder hat dies freiwillig lieber selbst getan (SOKRATES), wer alles landete in der Klapsmühle (u.a.KLEIST) oder entging dem nur knapp und wer landete im Knast - und aus welchen Gründen:
Als politisch verfolgt galten ..., eine „kriminelle Nebentätigkeit“ hatten ..., Opfer eines Justizirrtums wurden ... ; selber Juristen dagegen waren z.B. der Berliner Kammergerichtsrat E.T.A. HOFFMANN und John GRISHAM.
Wer weiss schon (noch), welchen Eklat A. SCHNITZLER mit den ersten Aufführungen seines Bühnenstücks "Der Rei-gen" verursachte, dass die sogenannte Satanszahl 666 auf einem frühen Abschreibfehler beruht und die eigentliche Ziffer eine andere ist, dass E. WALLACE Findelkind war und als Erfinder der Schleichwerbung gilt - ja dass er zuweilen damit mehr Geld als mit seinen eigentlichen Romanen verdiente und wie geldgierig ein Aufklärer und Humanist VOLTAIRE war und dass dieser sogar die eigenen Kinder in Heime verbringen liess und dass ein Naturfreund Henri THOREAU - der Erfinder des "Waldens" als eine bewusste Abkehr von der menschlichen Zivilisation - leider auch ein Waldbrandstifter war und unter welch immensen Schulden Zeit seines Lebens so mancher Wort-Künstler gelitten hatte und dass SARTRE die Annahme des Literatur-Nobelpreises konsequent verweigerte, während der Ire SHAW seinen schliesslich doch annahm und und und ...
Unter dem Stichwort "Schreibneger" (einer Wortschöpfung des Autoren R. MOORE ) erfährt man von gewissen Aspek-ten des Ghost-Writer-Daseins, unter "Kondom des Grauens" wird die justizielle Seite der Zensur in Deutschland im Hin-blick auf den gleichnamigen Comic von Ralf König beleuchtet, vom zuweilen unmässigen Liebesleben so manchen Ver-treters der gehobeneren Wortkunst ist ebenso zu lesen ("Bett, das zuschanden gerittene") wie vom "Doppelselbst-mordversuch" eines Hans FALLADA...
Skurille Details stehen neben dichter Hintergrundinformation und formen sich so zu einem durchaus amüsanten, dann wieder sehr nachdenklich stimmenden Kaleidoskop menschlicher Irrungen & Wirrungen, Laster- & Tugendhaftigkeiten -informativ wie kurzweilig zugleich und dabei doch stets offenbarend, wie sehr Freud u. Leid bei so manchem "Grossen" der gehobeneren Wortkunst miteinander verknüpft waren oder dass Dichter & Denker eben auch immer nur Menschen waren.
Ein Werk, in dem man durchaus wieder und wieder blättern kann und querlesend es ganz unwillkürlich auch immer wieder muss.
Hintergründe & Lebensdaten Menschliches & Allzumenschliches Skandale & Querverweise
Grabinschriften & Ghostwriter Pseudonyme & Plagiate Verlage & Veröffentlichungen
Titel, Thesen, Testamente
Ein Beitrag von Ingolf Woyke